Im Mai 2023 veröffentlichte iur.reform die große iur.reform-Studie, an der 11.893 Menschen teilgenommen haben. Im Folgenden können die Langfassung, Zusammenfassungen sowie die Rohdaten der Studie heruntergeladen werden.
Sofortprogramm
Aus den Thesen, denen in allen befragten Gruppen von einer absoluten Mehrheit zugestimmt wurde, haben wir ein Sofortprogramm entwickelt, das schnell umsetzbar ist. Hier ist sich die juristische Welt (ziemlich) einig.
Loccum 2.0
Die juristische Welt besteht aus vielen Teilen. Eine gemeinsame Vision für die Zukunft der juristischen Ausbildung zu entwickeln ist nicht leicht. Wir wollen den Weg beginnen und rufen zu einem gemeinsamen Prozess auf, bei dem alle Bereiche der juristischen Welt gemeinsam ein Leitbild für eine neue juristische Ausbildung entwickeln. Anstoß dafür können die empirischen Erkenntnisse der iur.reform-Studie sein.
Loccum damals
Blickt man in die Historie der juristischen Ausbildung, gibt es für einen solchen Prozess bereits ein bemerkenswertes Beispiel. Gemeint ist der Reformprozess rund um die sogenannte Akademie Loccum. Im Jahr 1968 trafen sich in diesem Rahmen über ein Jahr hinweg verschiedene Akteur:innengruppen der juristischen Ausbildung, um über eine grundlegende Reform eben jener Ausbildung zu streiten. Am Ende stand die einstufige juristische Ausbildung, die aus heutiger Sicht wohl am ehesten einem dualem Studium ähnelte. Die dabei wesentlichste Änderung: Die bis dahin zweistufige Ausbildung, bestehend aus universitärem Studium und Referendariat, wurde an einzelnen Universitäten zur Erprobung auf eine Stufe reduziert. Die Praxisphase des Referendariats wurde damit in die universitäre Ausbildung integriert. Im Hinblick auf den Erfolg der einstufigen juristischen Ausbildung kann man sicherlich gespaltener Auffassung sein. Doch zeigte der Prozess rund um die Akademie Loccum, dass sich alle Stakeholder mit juristischem Bezug einig werden und so eine ganz grundsätzliche Veränderung der juristischen Ausbildung herbeiführen können.
Loccum 2.0
Das Wichtigste damals wie heute: Alle Akteur:innengruppen müssen zusammenkommen. Denn die juristische Ausbildung sollte den Bedürfnissen der Studierenden Rechnung tragen, die Erkenntnisse und Erfahrungen der Praktiker:innen berücksichtigen sowie dem wissenschaftlichen Anspruch und den Vorstellungen der Lehrenden, insbesondere der Professor:innen, entsprechen.
Dafür, wie das gelingen kann, gibt es auch heute Beispiele. Die Vision Klimaneutralität 2050 des Bundesumweltamtes wurde auch gemeinsam mit den Erkenntnissen diverser Stakeholder entwickelt.
Davon ausgehend, könnte die Entwicklung einer gemeinsamen Vision gelingen, indem beispielsweise ein Dialogprozess vom Bundesministerium der Justiz koordiniert wird. Dazu bedürfte es einer öffentlichen Ausschreibung für Prozessorganisator:innen und Evaluator:innen sowie der Auswahl von Vertreter:innen aus verschiedenen Gruppen, einschließlich Studierenden, Praktiker:innen, juristischen Vereinigungen und Personen, die die juristische Ausbildung nicht bestanden oder abgebrochen haben. Der Prozess selbst könnte mit einer Eröffnungsveranstaltung zur Kommunikation des Ziels und der Struktur beginnen, gefolgt von Workshops, in denen zuvor definierte Gruppen die Visionen und Maßnahmen zur Verbesserung der juristischen Ausbildung diskutieren. Diese Gruppen benennen Vertreter:innen, die in einen Mediationsausschuss entsendet werden, der zwischen den Gruppen vermittelt. Das Ziel des Dialogprozesses besteht darin, eine gemeinsame Vision für ein neues juristisches Ausbildungssystem in Deutschland zu entwickeln.
Würde man kleiner denken, wäre es auch möglich eine Expert:innengruppe einzuberufen, die Maßnahmen zu einer grundlegenden Reform der juristischen Ausbildung erarbeitet. In der Expert:innengruppe müssten alle Akteursgruppen und von der juristischen Ausbildung Betroffenen vertreten sein.
Unsere Idee für ein Loccum 2.0 stellen wir hier ausführlich vor. Das Dokument ist Teil der Studie und kann hier einzeln heruntergeladen werden:
Kein „Weiter-So“!
Was die iur.reform-Studie zeigt: Ein „Weiter-So“ zahlt sich nicht aus. Die Mehrheit der Personen in der juristischen Ausbildung, die Mehrheit der Praktiker:innen und die Mehrheit der Ausbildenden ist unzufrieden mit dem Status-quo. Für viele Thesen gibt es viel Zustimmung von allen Seiten. Das kann eine Grundlage sein, um gemeinsam eine Vision für eine moderne juristische Ausbildung zu entwickeln.